Biographie
Antoni Walerych
Geboren: 1952 in Posen
Studium: PWSSP (Staatliche Hochschule der Schönen Künste) in Posen (Bildhauerei im Atelier von M. Więcek-Wnuk und J. Kopczyński
Walerychationen zum Thema des stacheligen Antoni
Walerych ist ein Zechbruder und Luftikus, der in seiner Kunst ganz nebenbei sein zweites, im Alltag diskret verstecktes Antlitz des Sensibelchens offenbart. Ich warne Sie.
Uns verbindet eine gewisse Art von Beziehung, und ich bin so dreist sie eine herzliche zu nennen. Ich möchte dies gleich am Anfang klarstellen, um sofort jeglichen Verdacht der Vorurteilslosigkeit und des Objektivismus zu zerstreuen. Aber ist die Subjektivität nicht eine Eigenschaft, die dem Großteil der Äußerungen über die Kunst zu Eigen ist?
Unsere Bekanntschaft reicht weit bis in siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück, bis zu der Zeit als wir uns beide, und ich füge hinzu, ohne Erfolg, um die Aufnahme an der Fakultät der Schönen Künste der Nikolaus Kopernikus Universität in Toruń (Thorn) bemüht haben. Aus dieser Zeit der gemeinsam verbrachten Nächte und Tage erinnere ich mich außer an die Anbahnung unserer Freundschaft, die mit großer Zurückhaltung bis zum heutigen Tage andauert, besonders an zwei Gefühle: die diskret brennende männliche Eifersucht um die Gunst einer gemeinsam angebeteten schönen Frau (die letztendlich Antek eroberte) und die Leidenschaft zu der der Musik Richard Wagners, mit der mich Walerych ansteckte. Das zweite hat bis heute überdauert. Bei mir im platonischem Zustand, bei Antonio genau umgekehrt, im intensiv aktiven Zustand. Im Übrigen zieht sich der musikalische Faden, nicht nur der wagnersche, insbesondere durch das bildhauerische Schaffen Anteks.
Seit dieser Zeit geht jeder von uns seinen eigenen Weg. Antonio hat sein Ziel erreicht: Er hat sich eine ganze Schar Kinder zugelegt und ist Bildhauer geworden, ich hingegen durch eine Reihe von Zufällen Journalist. Dies erklärt jedoch nicht, warum ich hier schreibe. Es hat sich im vergangenem Jahr zugetragen, als ich beim surfen durchs Internet auf Anteks Vitrine mit einer Galerie von Skulpturen und Malereien gestoßen bin. Je länger ich sie mir angeschaut habe, desto besser hat sie mit gefallen. Von den Fischen schlug mit eine geometrische Gelassenheit entgegen, das Bild mit dem Titel Enten auf dem Schnee hat mich dermaßen erheitert, dass ich sofort an Antek geschrieben habe. „Meine Gratulation und ich beneide die Leute, die diese Bilder bei sich zu Hause haben. Überhaupt ist Deine Malerei wie ein klares Destillat eines edlen Trunkes, beziehungsweise wie ein durch seine ideale Struktur hinreißender Kristall.“ Diese Aussage ziehe ich nicht zurück.
Ich vermute, dass dieser Blitz meiner unkontrollierten Überschwänglichkeit bewirkt hat, dass in Anteks Kopf die heimtückische Idee zu sprießen begann, auf die Dienste eines professionellen Kritikers zu verzichten, und mich, einen amateurhaften Bewunderer für das Schreiben einzuspannen. Mit Hilfe von unverschämten Komplementen und des genetisch veranlagten Posener kaufmännischen Talents, hat mich Antonio ohne Probleme und fachmännisch, wie eben ein Bildhauer den Ton, bearbeitet.
Eins ist klar, ich betrachte Antonios Werk nicht mit den mit einem professionellen kritischen Apparat ausgerüsteten Augen. Aber machen wir uns nicht vor, dass ich ein unschuldiges Auge habe. Die Ikonosphäre in der wir eingetaucht sind, hat in unser Unterbewusstsein Millionen von Bildern und Szenen mit Ansichten, die es uns vergönnt war im Laufe unseres ganzen Lebens zu betrachten, eingeprägt. Die lebendig, im Original, als Film bzw. auf Papier erblickten Reproduktionen sind mit der Zeit mit dem Hintergrund verschmolzen, der jetzt den Kontext für das Werk Anteks darstellt.
Es existiert aber ebenfalls eine Komplikation. Ich erinnere mich noch sehr genau an die eigene Enttäuschung als es mir vergönnt war, das Original der zuvor als Reproduktion bewunderten Blauen Vase von Cezanne zu sehen. Sie war so klein und ausgebleicht, wohingegen die Reproduktionen reine Farben suggeriert haben. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich Anteks Werke zum größten Teil auch nicht im Original gesehen habe. Dies muss jedoch kein Hinderungsgrund sein. Wenn der Anblick der echten Blauen Vase mir Cezanne nicht verleiden konnte, dann müssen die Originale mir auch nicht unbedingt den Geschmack auf Walerych verderben. Die Verfälschung von Eindrücken und Emotionen, aber auch die Begeisterung auf der Linie Original – Reproduktion, können in zwei Richtungen wirken.
Bei einem Bild hätte ich mich sicherlich nicht länger aufgehalten. Aber Antonio hat mich einmal nach Swarzędz mitgenommen und mir in der dortigen Kirche seinen Christus am Kreuz gezeigt. Ich war wie vom Schlag gerührt. Der Stahl des zerrissenen Körpers vor dem Hintergrund der weißen Wand steckt bis heute wie ein verrosteter Nagel in meinem Kopf. Erinnere mich an die seltsame Erleichterung, die ich gefühlt habe, als ich den Blick auf den Gekreuzigten geheftet habe. Es war so, als ob der gewaltige Katzenjammer des Alltags nach irgendwo verschwand, die Luft wurde leuchtend und schwoll von der Überzeugung, oder geradezu der Sicherheit an, dass keine Sünde endgültig ist, da sie bereits durch die Einwilligung zum ungeheuren Leiden abgebüßt wurde. Er, ich ich gedacht, hat sich eigentlich selbst zerrissen, und die Henkersknechte, ähnlich wie Judas, waren nichts weiter als erforderliche Werkzeuge. Später hat der gnostizistische Geist zu Fragen über die Rolle des Vaters in dieser ganzen Angelegenheit und über seine schreckliche Güte überredet. Was weiterhin geschehen ist, wissen wir aus den Evangelien. Er ist auferstanden, in den Himmel eingetreten und sitzt zur Rechten seines Vaters, und das Königreich... Zum Glück erzählt Antek dies nicht zu Ende. Ob nur deswegen, weil er als Künstler sich selbst nicht das Recht erteilt mittels einer Skulptur die Geschichte zu Ende zu erzählen und den weiteren Verlauf der Qual und der Auferstehung vor Augen zu führen?
Ich selbst beruhige mich mit zwei Geschenken von Antek. Das erste ist eine Skulptur. Ein erstklassig ausgearbeiteter Kopf Wagners. Das zweite ist ein Bild mit dem Titel „Bei Tante Poli“ die im Fenster mit ihrem gealtert erscheinenden Körper begann das Andenken an Onkel Edzia zu besudeln. Man muss dieses Bild mit eigenen Augen sehen, um den Humor dieser literarischen Ergänzung zu verstehen und zu schmecken. Antek maskiert mit Witz die verheimlichte und nicht zu befriedigende Sehnsucht nach einem erfüllten, integralen und allesumfassenden Werk.
Die Akte Antonis sind schlank und hoch. Sie erklären sich nicht nur durch seine sexuelle Neigung zum anderen Geschlecht, sondern ebenfalls durch seine Befremdung, Neugier,und Faszination an der geheimnisvollen Andersartigkeit der Frau. Es ist interessant, dass keines der Synonyme für „Frau” sich für die Beschreibung der Rückseiten der Bilder eignen. Weder Weib, noch Dame, oder Herrin, Mädchen, Schönheit, freche Göre, Puppe Maid, flotte Biene, Frauenzimmer, Mutter Matrone, Dame... Es passt nur Frau, deren Wesen Walerych in tausenden von Varianten studiert. Wobei nicht die ganze Gestalt es wert ist aufmerksam und geduldig studiert zu werden. Die geheimnisvollste und anziehendste Zone ist der sich vom Kinn bis zu den Knien erstreckende Bereich. Das Gesicht ist nicht wichtig, ein Oval reicht aus, die Füße auch nicht. Wesentlich ist das. Was dazwischen liegt: Die Schultern, die immer aufrechten Brüste, starke Schenkel. Es fällt auf, dass trotz der Nacktheit in den Bildern Antonis – einem Frauenhelden schließlich – wir es nicht mit Sinnlichkeit im strengen Sinne nicht zu tun haben, Sex dagegen gibt es soviel, wie eine Katze auf dem Schwanz davontragen kann. Die Figuren sind der weichen, wolkigen Formen entledigt, und ganz im Gegenteil, mit einem harten Strich skizziert, sind sie dreist, geometrisch und kantig, jedoch verletzen sie das Auge des Betrachters nicht. So, als ob er beim Portraitieren die Figuren gleichzeitig in eine Form verpackt hat, die bewirkt, dass das Portrait für die Heldin ungefährlich ist. Sämtliche vermeintlichen Zärtlichkeiten, die innere Intimität, die Subtilität der Gefühle schließt der Maler in eine stachelige Rüstung ein. Aus Eifersucht, aus Begeisterung, aus Feingefühl, aus Berechnung? Es kann sein, dass diese anscheinend rohe Form ein Versuch der Verteidigung vor der schamlosen Aufdringlichkeit des Voyeurs ist, die ringsum so häufig vorhanden ist. Wenn ich das nur verstehen würde.
Trotz dieser Divagationen habe ich zu Antonios Kunst ein prinzipiell konsumorientiertes Verhältnis. Ohne Pomp und Ehrfurcht. Vielleicht deshalb, weil in der Kunst das am interessantesten erscheint, was in der „Mitte", zwischen der künstlerischen Avantgarde und den kommerziellen Stereotyp angesiedelt ist. Seit der Zeit der dreisten Geste Marcel Duchamps, der ein Pissoire als Kunstwerk dargestellt und mit der anders lautenden Bezeichnung Fontane versehen hat, sind über neunzig Jahre vergangen. Leider Gottes wiederholen ehrgeizige Avantgardisten bis heute bis zum Überdruss dieses einstmals revolutionäre Konzept, sodass es sich bis zum Iment banalisiert hat. Vor ihrem Hintergrund erscheint Antonio wie ein Traditionalist mit gutem Geschmack. Er erfüllt keine Mission, er rebelliert nicht, epatiert nicht mit Gedärm und kämpft nicht „um die Sache“. Er ist, wie Konwicki sagt, ein empfindlicher Handwerker, der gekonnt und mit Gefühl zwischen den Polen der hohen und niedrigen Kultur in der mittleren Zone balanciert.
Ich habe nicht die leiseste Ahnung ob Antonios Kunst in die Geschichte eingeht oder auch nicht und das geht mich auch einen feuchten Kehricht an. In meine private Geschichte ist sie längst eingegangen und mir gefällt's. Ihr müsst mir hier nicht zustimmen.
Konrad Stanglewicz
April 2006
Waldemar Idzikowski über Antoni Walerych
Das Schaffen und das Leben von Antonio Walerych werden von gewissen charakterologischen Eigenschaften gelenkt, die seine Persönlichkeit darstellen. Vor allem denke ich an die Empfindsamkeit, Spontaneität und die absolute Aufrichtigkeit seiner artistischen Aussage, die aus der Aufrichtigkeit sowohl sich selbst gegenüber, als auch gegenüber dem Mitmenschen hervorgeht.
Die erwähnten Eigenschaften in Verbindung mit dem kultischen Verhältnis zu den Frauen ermöglichen es ihm Skulpturen zu schaffen, die ein spezifisches Klima ausstrahlen, das von unserem Unterbewusstsein aufgenommen wird oder geradezu körperlich unsere Sinne reizen.
Die in den Arbeiten von A. Walerych abzulesende Weiblichkeit ist trotz der weitgehenden Transformation nicht nur eine Beziehung zum Körper, sondern vorallem eine Philosophie, die die Frau als Symbol jeglichen LEBENS sieht, als Symbol der Beständigkeit und Kontinuität. Sie ist ebenfalls ein Symbol aller unserer oft sehr intimen Empfindungen, Gefühle oder Erlebnisse.
Eine dermaßen verstandene "Weiblichkeit” ermöglicht A. Walerych eine weit reichende Deformation des weiblichen Körpers, einen zwanglosen Umgang mit dem den Raum arrangierenden Körper und drückt ihnen den Stempel seiner Individualität auf.
Sein Werk ist kein Manifest oder eine Demonstration für oder gegen etwas, es ist das Ergebnis einer gewaltigen emotionellen mit Temperament unterbauten Ladung, die sein Leben und Werk beherrscht.
Bewusst offenbart er sein intimes Inneres, die Sphäre des privaten Erlebens, wobei er sich nicht vor einem Eingriff oder einer falschen und profanen Beurteilung fürchtet. Darin offenbart sich eine weitere Eigenschaft Antonios, sei sonniges Gemüt und seine positive Einstellung zum Leben und den Menschen.
Der Wille, im Namen der Faszination am Leben und seinem Symbol der FRAU, so viel wie möglich von sich zu geben, unterstützt von dem einmaligen Gefühl für den bildhauerischen Körper und Raum, ermöglicht es ihm, Objekte von unvergänglichem Wert zu schaffen.